General Guisan: Widerstand nach Schweizerart

Markus Somms Buch – erschienen zum 50. Todestag von General Guisan – schafft nicht nur eine umfassende Sicht auf die Person Guisan, sondern bietet dazu auch noch dichtes Lesevergnügen verbunden mit seriös aufgearbeiteten Quellen und Fakten. Das Buch sollte Eingang finden in die Schweizer Stuben von Jung und Alt. Denn «Guisan sagt mehr aus über die Schweiz als sein Leben über ihn selbst» (vgl. Seite 221). Mehr zum Buch und zur Einbettung des Themas in den gegenwärtigen Zeitkontext finden Sie unter Medien. Dazu verweisen wir gerne auch noch auf den Bruder Klaus Gedenktag anlässlich des 70. Jahrestages des «Wunders von Waldenburg». Ein Ereignis, das ebenfalls in diesen Zeitkontext gehört.

 

Zu Markus Somm, Autor des Buches über General Guisan
Gerne stellen wir Ihnen hier Markus Somm vor. Da er kurz nach unserem Interview (vgl. unten) zum neuen Chefredaktor der BAZ berufen wurde, wird es wohl länger als gedacht dauern, bis er bei uns wieder publizieren wird.

Interview mit Markus Somm zu seinem Buch über General Guisan (August 2010)
FuV: Wo sehen Sie die grössten Differenzen zwischen Ihren Recherche-Ergebnissen bzw. Ihrem Buch über General Guisan und der Bergier-Berichterstattung?

Markus Somm: Wenn man den Bericht der Bergier-Kommission liest, erhält man kaum den Eindruck, dass zwischen 1939 und 1945 unter anderem auch Krieg herrschte. Die ständig wechselnden Bedingungen, denen sich die Entscheidungsträger gegenüber sahen, werden kaum thematisiert, geschweige denn ernst genommen. Wissen wir heute, ob die Finanzkrise vorbei ist oder nicht? Wie sehr prägt diese Ungewissheit unser heutiges Verhalten? Im Zweiten Weltkrieg war es tödlich, in der Beurteilung der unmittelbaren Zukunft richtig oder falsch zu liegen. Das bestimmte die Politiker und Generäle. Ein Beispiel: Dass die Schweiz von Deutschland Gold kaufte, wird zwischen den Zeilen moralisch verurteilt. Nie gefragt wird: Was war das Motiv? Waren das einfach geldgierige, gedankenlose Leute, die business as usual machen wollten – oder hatten sie womöglich einen guten Grund? War es angesichts der unsicheren Zeiten vielleicht nicht rational, so viel Gold wie möglich zu horten – wer wusste, wie lange der Franken noch akzeptiert wurde? In Krisenzeiten Gold zu haben war schon immer klug. Im Interesse des Überlebens, so wogen die Direktoren der SNB womöglich ab, war es das kleinere Übel, nach dem Krieg der Hehlerei bezichtigt zu werden. Das Land musste überleben – alles andere wurde dem untergeordnet.
Durch den ganzen Bergier-Bericht zieht sich eine gewisse, eher unwissenschaftliche Selbstgerechtigkeit. Aburteilen steht im Vordergrund, Erklären war weniger prioritär.
In meinem Buch versuchte ich in dieser Hinsicht zwei Dinge: erstens hat die Bergier-Kommission den militärischen Aspekt auf eine fast groteske Art ausgeblendet, hier war es nötig, die Proportionen wiederherzustellen. Zweitens: Wenn man eine militärhistorische Perspektive einnimmt, dann erhält die Kontingenz der Ereignisse eine viel grössere Bedeutung. Die Entscheidungsträger konnten nie wissen, was ihnen am nächsten Tag drohte. Diese Ungewissheit nehme ich ernst, das unterscheidet mein Buch von den Berichten der Bergier-Kommission.

FuV:Das Bild von Bundesrat Pilet-Golaz, das Sie im Buch zeichnen, ist eher negativ gefärbt. Sie stellen ihn als Antipode von Guisan dar, der mit den Nazis sympathisierte. Waren aber nicht gerade beide Pole (Pilet-Golaz und Guisan) zwingend für das geschickte Taktieren gegenüber Hitler. Oder anders rum gefragt: Hätte General Guisan ohne Pilet-Golaz überhaupt diesselben Resultate erzielen können?

Markus Somm: Dieses Doppelspiel den Deutschen gegenüber – Pilet-Golaz charmant, Guisan hart – galt schon damals in Bern als raffiniert. Ich bin skeptisch. In der hohen Ministerialbürokratie in Berlin hatte die Schweiz zwar viele Freunde, doch diese Leute waren nicht sehr einflussreich, wenn es darum ging, Hitler zu bestimmen. Es war ein (verständlicher) Irrtum von Seiten der Schweiz. Pilet-Golaz’s Rücksichten waren nachvollziehbar, aber weniger wirkungsvoll als man annahm. Ein Beispiel: Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Pilet-Golaz sich für die Fliegerzwischenfälle entschuldigte, plante Hitler den Überfall auf die Schweiz. Geschmeidige Worte interessierten diesen Diktator nicht, im Gegenteil, wie die vielen Beispiele vor dem Krieg belegen (Chamberlain, München etc.), stachelte ihn Entgegenkommen eher an: Was im Westen als gute Diplomatie galt, empfand er als Schwäche. Deshalb war er überzeugt, dass Frankreich zu schlagen war. Mit anderen Worten: Umso entgegenkommender Pilet-Golaz war, umso grösser war die Gefahr für die Schweiz, dass Hitler zuschlug.

FuV: Was waren für Sie die schönsten und die schwierigsten Momente in der Entstehung des Buches?

Markus Somm: Schwierig war es, mich kurz zu fassen, aber absolut notwendig. Schön war es, die Quellen zu lesen. Beeindruckt hat mich, wie klug, engagiert und in den meisten Fällen mutig die damaligen Entscheidungsträger handelten, wie sie ihre Optionen diskutierten, wie standhaft sie waren. Ebenso begeisterte mich die Haltung der Schweizer Bevölkerung gegenüber den Nazis, wie ich sie in den deutschen Quellen nachlesen konnte. Vor diesem Hintergrund ist es mir umso unverständlicher, wie man die bei aller berechtigten Kritik eindeutige Erfolgsgeschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges in den vergangenen Jahren zu einer Moritat des Versagens hatte umdeuten können.